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Spinngruppen in Deutschland

Spinnen in der Großstadt

Es ist Donnerstagabend, gegen 18:00 Uhr, mitten im Ruhrgebiet. Autotüren klappern, fröhliche Begrüßungsrufe hallen durch die Straße. Während einige Frauen noch damit beschäftigt sind, dicke Taschen und „jede Menge Holz“ aus ihren Kofferräumen zu wuchten, schleppen sich andere schon mit ihren Merinos, Ashfords, Kromskys und Henkyssen ins Haus: Die Spinnerinnen des Spinnkreises Ruhrgebiet sind im Anmarsch.

Fünfzehn Frauen umfasst unsere Gruppe, die sich erst vor zwei Jahren gegründet hat. Und wir werden nicht nur immer mehr - wir hatten auch plötzlich das Bedürfnis, uns zweimal im Monat zu treffen. Denn die Spinngruppe ist alles andere als ein verstaubtes Land- oder Hausfrauen-Clübchen. Moderne Frauen, jung und alt, gelernt oder studiert, aus Handwerk, Dienstleistungsbereich oder Wirtschaft – die Mitglieder sind so bunt zusammengewürfelt wie der Inhalt einer Wollkiste!

Kathi ist mit 20 Jahren die jüngste im Kreis. Aber sie kann schon auf beachtliche sechs Jahre Spinnerfahrung zurückblicken. Seit 22 Jahren spinnt Birgit und hat ebenfalls damit als Teenager angefangen. Ich habe den „Ruf“ erst mit 48 in einem Schottlandurlaub „gehört“. Wann und wo wir mit dem Virus infiziert wurden ist unterschiedlich – aber alle sind wir unheilbar spinnsüchtig! Ob von der Mutter gelernt, nach Büchern oder Internet-Videoclips allein ausprobiert – die ersten Schritte, das erste unansehnliche Knubbelgarn konnte uns alle nicht davon abhalten, weiter zu machen.

Nun, wie haben wir uns als Gruppe gefunden? Die Suche nach Gleichgesinnten erschien mir aussichtslos. Und doch fanden sich völlig überraschend erfahrene Spinnerinnen in meinem Bekanntenkreis! Zu dritt beschlossen wir nach einigen Monaten sporadischer Treffen, dass uns Zuwachs gut tun würde. Alexandra hat auf ihrer schönen Seite www.handspinnen.de unsere Kontaktdaten veröffentlicht und – voilà – da sind wir!

Was fasziniert uns so am Spinnen? Da ist vor allem die Freude an handwerklichem Arbeiten und alten Kulturtechniken. Lust auf schöne, individuelle Kleidungsstücke aus guten, unbehandelten Rohstoffen kommt dazu. Die meisten suchen und finden beim Spinnen Zeit für sich, zum Nachdenken, Musikhören, Abschalten vom Alltag und allen Pflichten und Zwängen. Das Bewusstsein etwas zu erschaffen – aus Material, das sonst vielleicht einfach weggeworfen oder verbrannt worden wäre, und den Entstehungsprozess ganz allein „in der Hand“ zu haben, ist für viele ein Gefühl, das sie nicht mehr missen möchten. Bei so viel schönem Erleben beim Spinnen, gibt es dann auch keine „unpassenden Gelegenheiten“. Heike nimmt die Handspindel sogar auf lange Autofahrten mit – als Beifahrerin natürlich. Martina hat das Campingspinnen für sich entdeckt.

Die Spinngruppe ist für uns im Laufe der Zeit zu mehr geworden als ein Ort, wo wir uns treffen, „Wind machen“ und ohne männliche Lästerzungen mal so richtig „am Rad drehen“ können. Sie hat sich zu einem Ort der Inspiration entwickelt, einer Ideenbörse, in der der Austausch mit anderen gleichgesinnten Frauen weit über das Hobby hinausgeht. Schließlich sind hier viele heimliche Talente vorhanden, die sich endlich mal offen zeigen können. Regina kann klöppeln und Stuhlgeflecht erneuern – dabei arbeitet sie im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Bildung. Ein Rad will nicht so richtig oder quietscht und rappelt? Ute kann’s richten! Filzen, Weben, ausgefallene Stricktechniken u.v.a.m. können „wir“ natürlich auch. Na ja, (noch) nicht alle... Die Arbeit mit der Hand scheint in unseren kopfbetonten Zeiten vielen zu fehlen – wir haben sie uns zurück erobert!

Im Spinnkreis werden lebenspraktische Tipps ausgetauscht, Kontakte geknüpft, Unternehmungen geplant und Pläne geschmiedet und natürlich über Gott und die Welt geredet. Gemeinsames Kerzenziehen in der Adventszeit, ein Filzabend mit unseren Kindern und ein Ausflug zur Schafschur haben uns viel Spaß gemacht. Ja, mittlerweile wird auch zusammen zu Abend gegessen, denn Spinnen macht hungrig! Und fröhlich geht es bei uns zu. Die Stimmung am Ende des Treffens ist deutlich gelöster als vorher, und das ganz ohne Alkohol.

Mal ganz im Ernst: Darauf würdest du doch auch nicht verzichten wollen, oder?

Barbara Orfeld, Dipl.-Psych. und Handspinnerin aus Essen.

An dieser Stelle stand einmal ein Spinngruppenverzeichnis. Da ich oft Rückmeldungen bekam, dass die Gruppen aus allen Nähten platzen, wenn sie hier aufgeführt werden, habe ich das Verzeichnis gelöscht.

 © 2007 B. Lumma www.handspinnen.info